Über den freien Willen

Freier Wille soll bedeuten, dass man vollständige Kontrolle über jede einzelne Entscheidung hat, die man trifft! Gehen wir in den Alltag und fragen uns: Stimmt das? Haben wir vollständige Kontrolle darüber, was wir tun oder warum wir etwas nicht tun?

Wenn es keine Erwählung im reformierten Sinne geben soll, dann darf es logischerweise auch keine Taten geben, die Gott vorherbestimmt hat, damit Menschen sie vollbringen. Ein kurzer Blick in die Heilige Schrift jedoch zeigt, dass es Taten gibt, die von Gott vorherbestimmt wurden, damit diese vollbracht werden:

Ja, wahrhaftig, gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, haben sich Herodes und Pontius Pilatus versammelt zusammen mit den Heiden und dem Volk Israel, um zu tunwas deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatte, dass es geschehen sollte. Apostelgeschichte 4,27-28

Herodes und Pilatus handelten gemäß ihres Ermessens und dennoch waren diese Taten von ihnen zuvor von Gott bestimmt worden! Wir müssen neu lernen, dass Erwählung und Vorherbestimmung und die vollzogenen Taten alle miteinander verbunden sind. Erwählung und die Fähigkeit zu entscheiden ist kein Paradox. Irrlehrer stellen es aber als Paradox dar, weil sie die Funktionsweisen von beidem nicht verstehen und dies wiederum nur, weil sie die Schrift nicht verstehen.

Jonathan Edwards über das Wesen des Willens

»Jonathan Edwards definierte den Willen. Seltsamerweise hatte das vor ihm noch niemand getan. Jeder ging von der Annahme aus, dass wir alle wissen, was der Wille ist. Wir nennen den Willen die Instanz in uns, die Entscheidungen trifft. Edwards erkannte, dies war nicht präzise und definierte den Willen stattdessen als ›das, wodurch der Verstand alle Entscheidungen trifft‹. Das scheint kein großer Unterschied zu sein, in Wirklichkeit ist er aber wesentlich. Edwards zufolge bedeutet es, dass unsere Entscheidungen nicht vom Willen selbst bestimmt werden (gerade so als wäre er ein eigenes Wesen), sondern vom Verstand. Wir entscheiden uns für das, was uns als wünschenwerteste Handlungsweise erscheint.

Edwards sprach von Motiven. Edwards fragte: ›Warum entscheidet sich der Verstand für eine Sache und gegen eine andere?‹. Und er gab die Antwort: Der Verstand entscheidet aufgrund von Motiven. Der Verstand ist nicht neutral. Er hält einige Dinge für besser als andere, und deshalb wählt er aus, was ihm am besten erscheint. Wenn ein Mensch die eine Vorgehensweise für besser als die andere ansieht und sich dennoch für die weniger wünschenswerte Alternative entscheidet, handelt er unvernünftig oder, anders ausgedrückt, er ist verrückt. Bedeutet das also, dass der Wille gebunden ist? Ganz im Gegenteil. Es bedeutet, dass der Wille frei ist. Er ist immer frei. Er ist frei, das zu wählen (und wird es auch immer tun), was der Verstand für das Beste hält. Doch was hält der Verstand für das Beste? An dieser Stelle stoßen wir zum Kern des Problems vor, ob ein Sünder Gott suchen oder sich für Ihn entscheiden kann. Wird der Verstand eines Sünders mit Gott konfrontiert, beurteilt er Gottes Weg niemals als gut. Der Wille ist frei, sich für Gott zu entscheiden. Nichts hält ihn auf. Aber dem Verstand erscheint es nicht wünschenswert, sich Gott und dem Dienst für Ihn zu unterwerfen. Vielmehr wendet er sich von Gott ab, selbst wenn das Evangelium in gewinnender Weise präsentiert wird. Er wendet sich ab, weil er nicht will, dass Gott über ihn herrscht. Er betrachtet die Gerechtigkeit Gottes nicht als den Weg zu persönlicher Erfüllung oder Glückseligkeit. Er möchte seine Sündhaftigkeit nicht aufgedeckt sehen. Der Verstand liegt mit dieser Einschätzung natürlich falsch. Er wählt den Weg der Entfremdung und des Elends und letztendlich den Tod. Aber Menschen halten die Sünde für das Beste. Wenn also Gott unser Denken nicht verändert – was Er durch das Wunder der neuen Geburt tut –, rät uns unser Verstand immer, sich von Gott abzuwenden. Und das tun wir auch. Loraine Boettner sagt: ›So wie der Vogel mit einem gebrochenen Flügel ›frei‹ zu fliegen ist, es aber nicht kann, so ist der natürliche Mensch frei, zu Gott zu kommen, aber nicht dazu fähig. Wie kann er seine Sünden bereuen, wenn er sie doch liebt? Wie kann er zu Gott kommen, wenn er Ihn hasst?‹

Edwards differenzierte zwischen moralischer und natürlicher Unfähigkeit. Da die Unfähigkeit des Menschen laut Edwards nicht natürlicher, sondern moralischer Art ist, ist der Einzelne für seine Entscheidungen verantwortlich. Ein einfaches Bild: In der natürlichen Welt gibt es Fleischfresser und Pflanzenfresser. Angenommen wir nehmen einen Löwen, einen Fleischfresser, und setzen ihm ein Bündel Heu oder einen Hafertrog vor. Er wird weder Heu noch Hafer fressen. Warum nicht? Der Grund ist nicht, dass er unfähig dazu wäre. Physisch wäre er in der Lage, den Hafer zu kauen und zu schlucken. Aber er tut es nicht und will es nicht, weil es nicht seiner Natur entspricht, diese Art von Nahrung zu fressen. Würden wir ihn fragen, warum er die Pflanzen nicht frisst, würde er sagen: ›Ich kann diese Nahrung nicht fressen, weil ich sie verabscheue. Ich fresse nur Fleisch.‹ Denken wir jetzt an den Vers: ›Schmecket und sehet, dass der HERR gütig ist‹ (Psalm 34,9), oder an die Worte Jesu: ›Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit‹ (Johannes 6,51). Warum wird ein sündiger Mensch weder schmecken und sehen, ›dass der HERR gütig ist‹ noch sich von dem ›lebendigen Brot‹ ernähren? Mit den Worten des Löwen gesagt: Weil er diese Nahrung ›verabscheut‹. Der Sünder kommt nicht zu Christus, weil er es nicht will. Tief in seinem Herzen hasst er Christus und das, wofür Er steht. Es liegt nicht daran, dass er es natürlicherweise nicht könnte.

Wem diese Lehre widerstrebt, der entgegnet vielleicht: ›Aber die Bibel sagt doch, dass jeder, der zu Christus kommen will, zu Ihm kommen soll. Hat uns Jesus etwa nicht aufgefordert, zu Ihm zu kommen? Hat Er nicht gesagt: ›Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen‹? (Johannes 6,37)‹ Die Antwort lautet: Ja, genau das hat Jesus gesagt, aber es trifft nicht den Punkt. Jeder, der zu Christus kommen will, soll das tatsächlich auch tun. Aus diesem Grund bestand Jonathan Edwards darauf, dass der Wille nicht gebunden ist. Genau diese Freiheit macht unsere Weigerung, Gott zu suchen, so unvernünftig und vergrößert unsere Schuld. Aber wer will zu Ihm kommen? Niemand, außer denjenigen, in denen der Heilige Geist das vollkommen unwiderstehliche Werk der Wiedergeburt wirkt. Dadurch werden die blinden geistlichen Augen für Gottes Wahrheit geöffnet und der verdorbene Zustand des Sünders, der an sich kein geistliches Verständnis hat, wird erneuert, um den Herrn Jesus Christus als Retter anzunehmen.« [1]

Würde der Arminianismus in seiner Anschauung konsistent bleiben, müsste er konsequenterweise auch folgende Lehren ebenso leugnen:

(1) die Lehre von der Erbsünde (Römer 6,12)

(2) die knechtende und einschränkende Macht der Sünde (Römer 6,6.17)

Beide Lehren bekräftigen die Tatsache, dass der Mensch in der Ausübung seines Willens durch Sünde eingeschränkt wird, ja ein Sklave der Sünde ist. Der Mensch hat keinen freien Willen, denn bevor jemand von Christus gerettet wurde, heißt es über den Sünder, dass er „in den Begierden seines Fleisches“ lebte und „den Willen des Fleisches und der Gedanken“ tat (Eph 2:3). „Fleisch“ meint hier die sündige, gottfeindliche und nicht erneuerte Natur des Menschen, die sein Leben bestimmt. Und die treibende Kraft des Fleisches ist Sünde. Was auch immer Sünde gebietet, dem gehorcht der Sünder. Sein Wille ist gefangen und eingeschränkt durch Sünde. Wie kann man angesichts der Macht der Sünde sagen, dass der Mensch einen „freien Willen“ oder einen „uneingeschränkten Willen“ oder einen „ungebundenen Willen“ haben soll?

Wir waren gemäß Paulus also kein Geschöpf mit einem freien Willen, der sich neutral für oder gegen Gott entscheiden konnte, sondern ein gefangenes Geschöpf, dass unter die Sünde verkauft wurde (Römer 7,14). Und gemäß dem Herrn selbst, kann kein Mensch von sich aus und von selbst gerettet werden. In jedem einzelnen Sünder, der gerettet wird, vollbringt Gott durch „ziehen“ (Johannes 6,44), dass sich der Sünder Christus nähert. Ohne dieses „Ziehen“ würde kein Sünder zu Christus. Die logische Schlussfolgerung ist also, dass kein Mensch einen freien Willen haben kann, denn wenn er einen freien Willen hätte (wie der Arminianismus ihn definiert), dann könnte er ja von sich aus und von selbst (ohne z.B. eingeschränkt zu werden von Sünde) zu Christus kommen und wir müssten das 6. Kapitel und weite Teile des NT herausschneiden und sagen: „Was hier steht, kann nicht stimmen, denn es widerspricht unserer Vorstellung!“.

Der Arminianismus jedoch ist nicht bibelkonform. Diese Wahrheit gilt es zu erkennen. Aber 99% aller evangelikalen Freikirchen und Gemeinden sind arminianisch, ohne jemals von dem Begriff Arminianismus gehört haben. Deswegen muss man sie eigentlich zuerst darüber aufklären, was Arminianismus genau bedeutet.

Frei von dem souveränen Machtbereich Gottes?

Gibt es einen gottloseren Wunsch als den Wunsch nach unabhängiger Freiheit von dem souveränen Machtbereich Gottes? Denn so wie der Arminianismus den freien Willen definiert, muss der Bereich freier Wille frei von jeglicher Einschränkung (durch Gesetzmäßigkeiten) sein. Und dieser Anspruch kann gottloser nicht sein. Es sind die Sünder, die diesen Anspruch nach autonomer Freiheit haben wollen und deswegen in der Hölle landen werden.

Der Mensch ist kein autonomes Wesen, da er bei seiner Schöpfung bereits in vorgegebene Gesetzmäßigkeiten hineingeschaffen war (z.B. Gravitation, Atmosphäre, Temperatur etc.), denen er sich nicht entziehen kann um „frei“ und „uneingeschränkt“ zu sein. Alle Fähigkeiten, die der Mensch auf der Erde besaß, konnte er nur innerhalb dieser von Gott gegebenen Gesetzmäßigkeiten ausführen. Würde man den Menschen nun auf den Mond transportieren, so würden dort andere Gesetzmäßigkeiten herrschen. Diese anderen Gesetzmäßigkeiten (z.B. Gravitation, Atmosphäre, Temperatur etc.) schränken die Ausübung der menschlichen Fähigkeiten nun derart ein, dass er nicht länger auf dem Mond existieren würde. Den Gesetzmäßigkeiten des Mondes ausgeliefert zu sein bedeutet gleichzeit den Tod des Menschen.

Übertragen wir nun dieses schöpferische Beispiel auf den geistlichen Bereich. Der Mensch ist geschaffen worden mit der Fähigkeit Entscheidungen zu treffen, für die er verantwortlich ist. Doch wie im natürlichen Bereich ist die Ausübung dieser Fähigkeit von Anbeginn an eingeschränkt durch göttliche Gesetzmäßigkeiten. Im geistlichen Bereich gibt es nur zwei Gesetzmäßigkeiten, in denen man seine Fähigkeit ausübt:

(1) der Bereich, der alles Handeln und Denken dem Willen Gottes konform macht

(2) der Bereich, der alles Handeln und Denken dem Willen Gottes widersprechen lässt

In dem ersten Bereich (den ich gern „Gnade“ nenne) ist es Gottes aktives Handeln an seinen Geschöpfen, das ihre Existenz und ihr Handeln und Denken an den Willen Gottes ausrichtet. In dem zweiten Bereich (den ich gern „Sünde“ nenne) ist es ebenso Gottes Handeln, das seine Geschöpfe in ihrer Existenz und in ihrem Handeln und Denken dem Willen Gottes widersprechen lässt. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass, seitdem Gott nicht zum Bösen versucht (Jakobus 1,13), Gott den Sünder nicht gegen seinen Willen zum Bösen und zur Sünde zwingt, sondern in dem Moment, in dem Gott sein souveränes aufrechterhaltendes Handeln (dass das Handeln und Denken des Menschen seinem Willen konform sein ließe) in dem Menschen vorenthält, resultiert daraus der Zustand, in dem der Mensch nicht länger die Willenskraft hat dem Willen Gottes konform zu sein. Somit ist Sünde das Resultat der Abwesenheit von Gottes Gnade, genauso wie Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht und Kälte die Abwesenheit von Wärme ist. Da Gnade selbst aus dem Willen Gottes entspringt, hat kein Geschöpf Anrecht auf diese Gnade. Es obliegt daher Gott seine Gnade all denen zu gewähren, denen Er sie gewähren will. Und es ist keine Sünde für den Gott aller Gerechtigkeit, wenn Er sich dazu entscheidet, bestimmten Geschöpfen nach ihrer Erschaffung seine souveräne Gnade nicht zu gewähren. Das ist die überwältigende Wahrheit, die Paulus der Gemeinde in Rom bekräftigen wollte:

14 Was wollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!
15 Denn zu Mose spricht er: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich«.
16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben dazu habe ich dich aufstehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise, und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde«.
18 So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will.
19 Nun wirst du mich fragen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen?
20 Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht?
21 Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen?
22 Wenn nun aber Gott, da er seinen Zorn erweisen und seine Macht offenbar machen wollte, mit großer Langmut die Gefäße des Zorns getragen hat, die zum Verderben zugerichtet sind,
23 damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit erzeige, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat?
24 Als solche hat er auch uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden;
25 wie er auch durch Hosea spricht: »Ich will das ›mein Volk nennen, was nicht mein Volk war, und die ›Geliebte‹, die nicht Geliebte war.
26 Und es soll geschehen, an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, da sollen sie ›Söhne des lebendigen Gottes‹ genannt werden.«
27 Jesaja aber ruft über Israel aus: »Wenn die Zahl der Kinder Israels wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest gerettet werden;
28 denn eine abschließende und beschleunigte Abrechnung in Gerechtigkeit wird der Herr durchführen, ja, eine summarische Abrechnung über das Land!«
29 Und, wie Jesaja vorhergesagt hat: »Hätte der Herr der Heerscharen uns nicht einen Samen übrig bleiben lassen, so wären wir wie Sodom geworden und Gomorra gleichgemacht! Römer 9,14-29

Gemäß dem Arminianismus ist der „freie Wille“ des Menschen eine so gewaltige und gesicherte Festung, dass nicht einmal Gott in diese „ungebeten“ eindringen kann. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass Gottes Wille im Leben eines Menschen nur dann geschehen kann, wenn der „freie Wille“ ausdrücklich Gott darum „bittet“ und es Ihm „erlaubt“. Gehen wir nun mit dieser Überzeugung in die historischen Ereignisse, die in der Schrift festgehalten wurden und schauen, ob diese arminianische Überzeugung vorzufinden ist.

1. Schöpfung des Menschen – leider sagt die Schrift nichts darüber aus, dass Adam Gott darum bat und es Ihm erlaubte so geschaffen zu werden, wie Adam es will. Gottes Wille war souverän über dem freien Willen.

2. Sintflut – leider sagt die Schrift nichts darüber aus, dass Gott von den Menschen die Erlaubnis erhielt alle Menschen auszulöschen auf der Erde und auch bat niemand Gott um solch ein zerstörerisches Ereignis. Gottes Wille war souverän über dem freien Willen.

3. Nebukadnezar – leider sagt die Schrift nichts darüber aus, dass Gott diesem König von Babylon erst um Erlaubnis bat, bevor Er diesen in ein Tier verwandelte. Völlig abwesend ist auch jegliche Bitte des Königs, dass Gott so mit ihm verfahren soll. Gottes Wille war souverän über dem freien Willen.

4. Christi Erlösungswerk – leider sagt die Schrift nichts darüber aus, dass die Menschen Gott darum baten, dass Christus für Sünder sterben sollte und das sie Ihm die Erlaubnis für solch ein Vorhaben gaben. Gottes Wille war souverän über dem freien Willen des Menschen.

5. Bekehrung des Paulus – leider sagt die Schrift nichts darüber aus, dass Paulus Gott darum bat, gerettet zu werden und dass Paulus Christus die Erlaubnis erteilte für sein souveränes Handeln an Paulus. Gottes Wille war souverän über dem freien Willen des Menschen.

Die Beispiele können endlos fortgeführt werden und eines wird immer deutlicher: hätte der Mensch einen freien Willen, wie ihn der Arminianismus definiert, so hätte Gott vielen Menschen Gewalt angetan und sie ihres freien Willens beraubt. Bleibt man aber bei der biblischen Definition der Entscheidungsfindung des Menschen, so muss man beschämt sein Haupt neigen und bekennen, dass man mit dem „arminianischen freien Willen“ Gott seiner äußersten Gottheit und Souveränität beraubt hat. Somit komme ich zu dem Schluss, dass der Arminianer „autonom“ (sich selbst Gesetz) sein möchte in einer Unabhängigkeit von Gott und seinen Gesetzen. So bekommt Matthäus 7,23 eine völlig neue Bedeutung, denn jene, die vorgaben gerettet zu sein, während sie verloren waren, wurden von Jesus als anomos bezeichnet. Dieses Wort kommt von

gr. a = nicht, kein + gr. nomos = Gesetz
(daher: nicht-Gesetz, kein-Gesetz, im übertragenen Sinn gesetzlos)

Das gr. nomos steht nicht allein für die 10 Gebote oder das mosaische Gesetz, sondern es steht auch allgemein für Gottes Lehre und Gottes Weisung. Jene, die Jesus nicht kannte, wandelten nicht in den Gesetzmäßigkeiten Gottes, sondern in ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Autonom zu sein und anomos zu sein ist daher eng miteinander verbunden.

Der menschliche Wille, ein Sklave der Sünde

Der Mensch hat einen freien Willen? Was auch immer freier Wille ist, er ist ein Sklave der Sünde und gehorcht weder Gott noch mir und vollbringt das Gute, das ich tun will, nicht. Ich hasse meinen „freien Willen“. Er richtet ununterbrochen Schaden an. Ich kann ihm nicht vertrauen. Ich fühle Scham und Schande, wenn ich beobachte, was mein „freier Wille“ vollbringt. Ich bin nicht frei in meinem Willen, denn ich will Christus folgen und Ihm gehorchen, sein Wort studieren und Gemeinschaft mit Ihm pflegen, aber ich verfehle dieses Ziel so oft. Ich will seinen Namen erheben und Ihm Lob bringen. Ich will Ihn durch sein Wort sehen und in all seiner Herrlichkeit und begeistert vor Ihm in Anbetung stehen. Mein Haupt soll geneigt sein und wahre Demut mich bekleiden. Meinen Brüdern und Schwestern will ich Hilfe und Segen sein. Und vollbringe ich, was ich will? Ach, ich will in aller Einfalt in Christi Gesicht schauen dürfen, trotz meiner Verfehlungen und Widerspenstigkeiten, und seine Anerkennung aufgrund von Golgatha erblicken dürfen.

Ich fürchte mich manchmal vor dem ersten Blick in seine Augen! Welchen Ausdruck werde ich in seinen Augen erkennen? Wird Er im Hinblick auf all meine Rebellion einen enttäuschten Ausdruck in seinem Gesicht offenbaren? Mit welchen Gefühlen werde ich vor Ihm stehen? Mit Freude, Erleichterung und Aufatmen aufgrund von Golgatha? Oder mit Ängstlichkeit, Zittern und Seufzen aufgrund meines häufigen Versagens? Aber solange ich noch „hier“ bin, trachte ich danach, von meinem „freien Willen“ loszukommen. Ich will nicht sein Sklave sein. Andere mögen sich wegen ihres freien Willens rühmen, ich jedoch verfluche meinen freien Willen.

Dann stand [Jesus] auf und befahl den Winden und dem See; und es entstand eine große Stille. Matthäus 8,26

Kein Mensch konnte jemals einen Sturm stillen. Kein Mensch konnte jemals sein stürmisches sündiges Wesen bändigen. Kein Mensch kann seinen „freien Willen“ bändigen. So wie der Sturm es von allen Seiten auf jemanden einschlagen lässt, so wütet die Sünde in meinem Leben und ich habe keine Mittel ihr Einhalt zu gebieten. Ich brauche jemanden, der stärker ist als mein freier Wille, ich brauche jemanden, der Macht hat zu befehlen und es geschieht. Ich brauche einen Retter, der meiner Sünde und meinem Willen Einhalt gebietet. Und jedesmal, wenn ich Matthäus 8,26 lese, staune ich, mit welch Leichtigkeit Christus dem Toben ein Ende machen kann. Er befiehlt seiner Schöpfung und die gehorcht. Doch in mir tobt ein anderer Sturm, der mit Händen nicht zu ergreifen ist, der Sturm der Sünde. Und ich weiß mir nicht anders zu helfen, als zu dem zu kommen, dessen Stimme „gehört“ wird und dessen Befehl sich niemand entziehen kann.

Einst wird Christi Stimme ergehen und Gott wird alle Menschen vor seinen Richterstuhl rufen. Dann werden wir sehen, wieviele von denen, die einen freien Willen haben, sich gegen seine Anordnung stellen können, mit der Begründung: Du kannst mich nicht gegen meinen Willen vor deinen Richterstuhl holen lassen. Ich komme, wann es mir gefällt. Ich habe einen freien Willen!

[1] J.M. Boice, P.G. Ryken: Die Lehren der Gnade, S.90-93

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2 Kommentare zu „Über den freien Willen

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