Unwürdig am Abendmahl teilnehmen

Wenn eine christliche Gemeinde das Abendmahl feiert, dann liest man in der Regel folgende Passage aus dem ersten Korintherbrief:

1.Kor 11,23-30
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, nämlich dass der Herr Jesus in der Nacht, als er verraten wurde, Brot nahm,
24 und dankte, es brach und sprach: Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; dies tut zu meinem Gedächtnis!
25 Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, indem er sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, sooft ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtnis!
26 Denn sooft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
27 Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig am Leib und Blut des Herrn.
28 Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken;
29 denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.
30 Deshalb sind unter euch viele Schwache und Kranke, und eine beträchtliche Zahl sind entschlafen.

Danach lenkt man die Aufmerksamkeit häufig auf die Verse 27-30 und bittet die Teilnehmer sich vor der Einnahme von Brot und Wein zu prüfen, ob sie vollkommen im Reinen mit dem Herrn sind und ob sie vielleicht noch nicht bekannte Sünden haben. In dem Falle, wo man bestimmte Sünden noch nicht bekannt hat, empfiehlt man den Gemeindemitgliedern nicht am Abendmahl teilzunehmen, damit sie nicht unwürdig das Brot und den Wein nehmen und so schuldig am Leib des Herrn werden. So wollen Pastoren und Älteste verhindern, dass jene Gemeindemitglieder sich kein Gericht zuziehen und Krankheit oder Tod über ihr Leben bringen und verweisen schließlich mit ihrer Warnung auf 1.Kor 11,30. Liest man dann auch noch Kommentare über 1.Kor 11,27-30 von z.B. John MacArthur, unterstützen seine Worte diese Vorgehensweise, wenn er schreibt:

„Am Mahl des Herrn teilzunehmen, wenn man an seiner Sünde festhält, entehrt nicht nur die Feier, sondern entehrt auch den Leib und das Blut Christi, weil man mit seinem gnadenreichen Opfer leichtfertig umgeht. Man muss vorher alle Sünden vor dem Herrn klären (V. 28) und dann teilnehmen, damit das Opfer nicht verlästert wird, weil man an Sünde festhält.“

Eine genauere Betrachtung des Kontextes von 1.Kor 11,27-30 jedoch wird uns zeigen, dass dieser gängige Vorgehensweise beim Abendmahl auf einem falschen Verständnis des Textes basiert und das Gewissen eines Gläubigen zu Unrecht verletzen kann. Dass das Gewissen eines Gläubigen jedoch nicht fälschlich verletzt werden darf und dieser Vorgang in sich selbst eine Sünde gegen Christus ist, wird nur wenige Kapitel vorher im ersten Korintherbrief angesprochen:

1.Kor 8,12
Wenn ihr aber auf solche Weise an den Brüdern sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, so sündigt ihr gegen Christus.

Betrachten wir zuerst den Kontext unseres Textes und anschließend wenige Punkte, die zum rechten Verständnis von 1.Kor 11,27-30 führen.

1.Kor 11,17-34
17  Das aber kann ich, da ich am Anordnen bin, nicht loben, dass eure Zusammenkünfte nicht besser, sondern schlechter werden.
18  Denn erstens höre ich, dass Spaltungen unter euch sind, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, und zum Teil glaube ich es;
19  denn es müssen ja auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten offenbar werden unter euch!
20  Wenn ihr nun am selben Ort zusammenkommt, so geschieht das doch nicht, um das Mahl des Herrn zu essen;
21  denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, so dass der eine hungrig, der andere betrunken ist.
22  Habt ihr denn keine Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch etwa loben? Dafür lobe ich [euch] nicht!
23  Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, nämlich dass der Herr Jesus in der Nacht, als er verraten wurde, Brot nahm,
24  und dankte, es brach und sprach: Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; dies tut zu meinem Gedächtnis!
25  Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, indem er sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, sooft ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtnis!
26  Denn sooft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
27  Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig am Leib und Blut des Herrn.
28  Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken;
29  denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.
30  Deshalb sind unter euch viele Schwache und Kranke, und eine beträchtliche Zahl sind entschlafen.
31  Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden;
32  wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht samt der Welt verurteilt werden.
33  Darum, meine Brüder, wenn ihr zum Essen zusammenkommt, so wartet aufeinander!
34  Wenn aber jemand hungrig ist, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das Übrige will ich anordnen, sobald ich komme.

1. Man bemerke die Verbindung der Begriffe »Gericht« in Vers 29 und Vers 34. Was bei der Betrachtung des Kontextes noch auffällt, ist, dass nirgendwo die Rede von verborgenen oder nicht bekannten Sünden ist. Daher kann man nicht einfach 1.Kor 11,27-30 zitieren und Themen wie verborgene oder nicht bekannte Sünden hier hineinlesen. „Unwürdig“ vom Brot und Wein zu nehmen, muss sich also auf etwas anderes beziehen als auf „verborgene und nicht bekannte Sünden“.

2. Der Kontext spricht nicht von verborgenen oder nicht bekannten Sünden, sondern vielmehr von dem gemeinschaftlichen Liebesmahl, das dem Abendmahl vorausging (V.20-22 und V.33-34).

20  Wenn ihr nun am selben Ort zusammenkommt, so geschieht das doch nicht, um das Mahl des Herrn zu essen;
21  denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, so dass der eine hungrig, der andere betrunken ist.
22  Habt ihr denn keine Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch etwa loben? Dafür lobe ich [euch] nicht!

33  Darum, meine Brüder, wenn ihr zum Essen zusammenkommt, so wartet aufeinander!
34  Wenn aber jemand hungrig ist, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das Übrige will ich anordnen, sobald ich komme.

3. Am Ende dieses Mahls, das in der Gemeinde „Liebesmahl“ (vgl. Jud 1,12) genannt wurde, vollzog man das Abendmahl (die Einnahme von Brot und Wein symbolisch für den Leib und das Blut des Herrn Jesus). Nach dem Kontext gab es manche, die „hungrig“ (Ausdruck für Mangel) und andere wiederum „betrunken“ (Ausdruck für Überfluss) zu diesem Liebesmahl kamen (V.21). Dies deutet auf soziale Schichten innerhalb der Gemeinde hin, die nicht „behoben“ wurden.

4. Nach Paulus hielten die Korinther kein Liebesmahl auf der Grundlage der Bedeutung des Abendmahls, sondern verkehrten das Liebesmahl in seiner Bedeutung (V.20).

Wenn ihr nun am selben Ort zusammenkommt, so geschieht das doch nicht, um das Mahl des Herrn zu essen.

5. Das Liebesmahl dient nicht als Ersatz für ein normales Essen. Das Liebesmahl war mit einer bestimmten Bedeutung verbunden und getrennt von dieser Bedeutung wurde es seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Paulus ermahnte jene, die hungrig zu diesem Liebesmahl kommen, vorher zu Hause etwas zu essen, damit sie das Liebesmahl, das verbunden mit dem Abendmahl ist, nicht entehrten. Wer die ursprüngliche Bedeutung des Liebesmahls mit dem Abendmahl auf ein gewöhnliches Abendessen reduziert, verachtet dadurch die Gemeinde Gottes (V.22) und isst und trinkt sich dadurch „Gericht“ (V.27-29)

6. Die Tatsache, dass überhaupt einige „hungrig“ sind und andere „betrunken“, macht deutlich, dass die Reichen sich nicht um die Bedürftigen in der Gemeinde kümmerten. Sofort sollten wir an den Jakobusbrief denken, der diese Problematik umfassend darstellt (Glaube ohne Werke ist toter Glaube).

7. Das Liebesmahl und das Abendmahl verkörperten die Einheit in Christus. Diese Einheit musste sich also auch praktisch zeigen. Wo diese praktische Einheit fehlte, gab es keine geistliche Einheit (oder vielleicht sogar keine Verbundenheit mit dem Haupt?). Die Gemeinde in Korinth jedoch konnte niemals wirklich „eins“ sein, wenn man berücksichtigt, dass die Gemeinde zum einen generell von Spaltungen geprägt war (1.Kor 1,10) und zum anderen man sich nicht um die Bedürftigen innerhalb der Gemeinde kümmerte, sondern sie vielmehr verachtete und ignorierte (V.22):

22  … verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch etwa loben? Dafür lobe ich euch nicht!

8. Mit diesem Kontext bekommt die Passage 1.Kor 11,27-30 demnach eine völlig andere Bedeutung wie die, die z.B. John MacArthur (der hier auch für andere steht), ihr verleiht. Paulus zeigt den Korinther, dass Gott aufgrund dieser „Verachtung der Gemeinde“ einige mit dem Tod und andere mit Krankheit bestraft hat. Es ist also durchaus möglich, dass jene von Gott getöteten und mit Krankheit geschlagenen in Wirklichkeit nur Namenschristen gewesen sind, die durch ihren vollkommen unchristlichen Wandel innerhalb der Gemeinde und vor allem beim Liebes- und Abendmahl Gottes Namen gelästert haben. Und das es viele solcher gottloser Namenschristen in Korinth gab, darüber legte Paulus deutlich Zeugnis ab, wenn er sagt, dass es viele dort gab, die die Auferstehung leugneten (1.Kor 15,12) und keine Erkenntnis Gottes hatten (1.Kor 15,34).

9. Wer ist also derjenige, der „unwürdig“ vom Brot und vom Wein nimmt? Es ist nicht der Gläubige, der verborgene oder nicht bekannte Sünden hat. Unwürdig waren nicht diejenigen, die mit nicht bekannten Sünden am Abendmahl teilnehmen. Gericht zogen sich nicht jene zu, die am Abendmahl teilnahmen, während sie verborgene oder nicht bekannte Sünden hatten.

Aus diesem Grund halte ich es für falsch, das Abendmahl so (wie oben) zu halten. Diese Vorgehensweise hat keine biblische Grundlage. Es ist falsch (während man sich auf 1.Kor 11,27-30 beruft) zu sagen, dass Gott den wahren Gläubigen mit Tod oder Krankheit dafür bestrafen könnte, wenn er mit nicht bekannten Sünden am Abendmahl teilnimmt. Auf diese Weise verletzten wir das Gewissen des wahren Gläubigen. Als Christ das Abendmahl (durch die falsche und unbiblische Vorgehensweise, die oben aufgedeckt wird) abzulehnen, würde dann ja schließlich bedeuten, dass man als Christ beginnt zu glauben, dass es Momente gibt, in denen wir kein Recht haben uns auf Christus und sein Opfer berufen zu dürfen. Und gerade das Abendmahl drückt dieses „Ich berufe mich allein auf Christus!“ doch aus? Laut der Schrift sind vom Abendmahl jedoch nur jene ausgeschlossen, die den Herrn und sein Evangelium ablehnen, oder jene, die durch ihren tief in Sünde verstrickten Wandel zeigen, dass sie zwar vorgeben an Christus zu glauben, aber den Herrn praktisch vollkommen mit ihren Werken verleugnen (vgl. Tit 1,16).

Dürfen wir jemanden, der gegen Sünde kämpft, der eine Beziehung zu Christus hat, und ja, wenn er auch hin und wieder fällt, raten, nicht am Abendmahl teilzunehmen, weil er nicht bekannte Sünden hat?

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