Über die Wahrheit

»Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.« Psalm 119,160

Das griechische Wort aletheia ist abgeleitet von a = „nicht“ + lanthano = „verborgen sein, bedeckt sein“. Beispiele für lanthano finden wir in diesen zwei Stellen:

Markus 7:24
Und er brach auf von dort und begab sich in die Gegend von Tyrus und Zidon und trat in das Haus, wollte aber nicht, daß es jemand erfuhr, und konnte doch nicht verborgen bleiben.

Lukas 8:47
Als nun die Frau sah, daß sie nicht unbemerkt geblieben war, kam sie zitternd, fiel vor ihm nieder und erzählte ihm vor dem ganzen Volk, aus welchem Grund sie ihn angerührt hatte und wie sie auf der Stelle gesund geworden war.

Der Charakter des Wortes aletheia bezieht sich demnach auf…

(1) …die nicht bedeckte und nicht verschönerte, ungeschminkte, nackte, reine Tatsache oder
(2) …eine Sache, die von Natur aus so ist, wie sie ist, ohne in irgendeiner Form verändert worden zu sein

Alles, was in seiner ursprünglichen Form verändert wurde (ungeachtet in welcher Hinsicht; auch wenn dahinter eine gute Absicht stecken würde), kann nicht mehr den Anspruch erheben aletheia zu sein. Daher kann eine Tatsache, ein Vorgang oder eine Darstellung nur dann den Anspruch erheben aletheia zu sein, wenn es in keinster Weise für den Betrachter verändert wurde.

Die Betrachtung griechischer Worte wird eine große Hilfe für diejenigen sein, die sich „gerne“ belehren lassen. Normalerweise tendiert der Mensch dazu, sich nicht von anderen belehren zu lassen. Diese Tendenz ändert sich im Leben eines echten Christen. Daher ist es normal, wenn der echte Christ alle Dinge untersucht und prüft, damit er sich an das Gute halten kann (vgl. 1Thessalonicher 5:21). Die Frage, die den echten Christen in seinem Studium der Schrift antreibt, ist: Was ist Wahrheit? Diese Frage scheint dem heutigen Menschen schon so einfach, dass er denkt, er wisse darauf die Antwort. Doch je mehr man Menschen diese Frage stellt, desto mehr stellt sich heraus, dass der Mensch wohl doch nicht weiß, was Wahrheit ist. Worüber reden wir, wenn wir über „wahre“ Dinge reden? Was meinen wir mit dem Gegenteil von Lüge? Lesen wir eine Passage aus dem Neuen Testament: „Daher ermahne ich dich ernstlich vor dem Angesicht Gottes und des Herrn Jesus Christus, der Lebendige und Tote richten wird, um seiner Erscheinung und seines Reiches willen: Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit [gr. aletheia] abwenden und sich den Legenden zuwenden.“ (2Timotheus 4:1-4).

Ein Christ kann Gott nicht darum bitten, dass diese Zeit nicht kommt. Die Ereignisse, von denen Paulus unter der Inspiration des Geistes Gottes redet, werden eintreten und lassen sich nicht durch das stärkste Fürbittegebet aufhalten. Paulus sagt nicht „wann“ diese Zeit genau eintrifft. Somit ist es die Aufgabe des Studenten des Wortes Gottes herauszufinden, ob wir vielleicht nicht schon längst in dieser Zeit leben. Folgende zwei Aussagen verdienen genauer betrachtet zu werden:

Es wird eine Zeit kommen da werden sie (1) die gesunde Lehre nicht mehr ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben und sie werden (2) die Ohren abwenden von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden zuwenden.

Wenn Paulus in seiner Prophetie sagt: „es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden zuwenden“, dann meint er damit: „es wird eine Zeit kommen, da werden sie das, was ihnen Heilung bringen würde, nicht länger ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, nach denen ihnen die Ohren jucken; und sie werden ihre Ohren von den offensichtlichen Dingen (die ungeschminkte Wahrheit die ihnen Heilung gebracht hätte) abwenden und sich dem zuwenden, was in Wirklichkeit erlogen und unwahr ist, und dadurch unaufhaltsam ins Verderben gestürzt.“ An vielen Stellen des Neuen Testamentes ergeben sich schockierende (dennoch heilbringende Aussagen), wenn man den Charakter des Wortes aletheia im Hinterkopf hat und es in jene Verse einfließen lässt. Wahrheit ist alles das, was sich keiner Veränderung unterzogen hat und so dargestellt wird, wie es in Wirklichkeit ist. Daher kommt auch das Sprichwort: „Wahrheit tut weh!“. Ich wage zu behaupten, dass es nichts anstößigeres und verletzenderes gibt als mit der reinen, nackten und ungeschminkten Wahrheit konfrontiert zu werden. Doch die Wahrheit ist uns nur deswegen unangenehm und schmerzlich, weil wir so an die Lügen gewöhnt sind und uns darin wohlfühlen, ja sie sogar willkommen heißen. Und auch wenn wir so an Sünde und Lüge gewöhnt sind und uns darin wohlfühlen als Sünder, wissen wir in uns, dass es immer noch Lügen sind und das dort eine Wahrheit draußen ist, die sich uns in den Weg stellt.

Und wenn wir erleben wollen, wie Gott sein mächtiges Werk der Erlösung in Menschen vollbringt, dürfen wir nicht wagen die schmerzlichen und heilbringenden Wahrheiten des Evangelium unter den Teppich zu kehren. Wir dürfen die Wahrheit, so wie sie uns in der Bibel präsentiert wird weder verändern noch verschönern noch angenehmer machen. Der „Geist der Wahrheit“ (Joh 14:17; Joh 15:26; Joh 16:13; 1Joh 4:6) wird sich immer nur zu dem „Wort der Wahrheit“ (Ps 119:43; 2Kor 6:7; Eph 1:13; Kol 1:5; 2Tim 2:15; Jak 1:18) bekennen. Zum Schluss noch ein Zitat von Wolfgang J. Reus:

„Ist es nicht erstaunlich, dass der Mensch selbst die Wahrheit als Beleidigung empfinden kann?“

Wenn also die Wahrheit etwas ist, das uns unangenehm ist, dann beweist diese Tatsache allein schon, dass etwas mit der Natur des Menschen nicht stimmen kann, wenn er Abneigung für die Wahrheit empfindet und mit dieser noblen Tugend nichts zu tun haben möchte. Denn würden wir Sünder die Wahrheit lieben und willkommen heißen, würde das hier nicht in der Bibel stehen über uns alle:

Römer 1:16-32
(16) Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen; (17) denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben«. (18) Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, (19) weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; (20) denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, sodass sie keine Entschuldigung haben. (21) Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. (22) Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden (23) und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht. (24) Darum hat sie Gott auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen, zur Unreinheit, sodass sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren, (25) sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen! (26) Darum hat sie Gott auch dahingegeben in entehrende Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; (27) gleicherweise haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind gegeneinander entbrannt in ihrer Begierde und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den verdienten Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfangen. (28) Und gleichwie sie Gott nicht der Anerkennung würdigten, hat Gott auch sie dahingegeben in unwürdige Gesinnung, zu verüben, was sich nicht geziemt, (29) als solche, die voll sind von aller Ungerechtigkeit, Unzucht, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit; voll Neid, Mordlust, Streit, Betrug und Tücke, solche, die Gerüchte verbreiten, (30) Verleumder, Gottesverächter, Freche, Übermütige, Prahler, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam; (31) unverständig, treulos, lieblos, unversöhnlich, unbarmherzig. (32) Obwohl sie das gerechte Urteil Gottes erkennen, dass die des Todes würdig sind, welche so etwas verüben, tun sie diese Dinge nicht nur selbst, sondern haben auch Gefallen an denen, die sie verüben.

2Thessalonicher 2:10-12
(10) und aller Verführung der Ungerechtigkeit bei denen, die verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, durch die sie hätten gerettet werden können. (11) Darum wird ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung senden, sodass sie der Lüge glauben, (12) damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit.

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