2.Petrus 2,1 – den Herrn, der sie erkauft hat

Der reformierte Glaube hält sich streng an die Schrift, die uns lehrt, dass Christus nicht für die Sünden aller Menschen am Kreuz stellvertretend gestorben ist, sondern Christus starb nur für jene, die der Vater Ihm gegeben hat (Joh 6:37.39.44). John Owen schreibt:

Der Vater verhängte seinen gebührenden Zorn und der Sohn erlitt die Strafe für entweder

1.) alle Sünden aller Menschen
2.) alle Sünden mancher Menschen
3.) manche Sünden aller Menschen

Deshalb können wir über diese Fälle sagen, wenn Christus für „manche Sünden aller Menschen“ starb, müssen sich alle Menschen immernoch für manche Sünden verantworten, und dadurch wird niemand gerettet.

Wenn Christus für „alle Sünden mancher Menschen“ starb, litt Christus stellvertretend für alle Sünden der Erwählten in der ganzen Welt (und das ist wahr).

Wenn Christus für „alle Sünden aller Menschen“ starb, warum sind dann nicht alle Menschen frei von der Strafe für ihre Sünden? Du magst antworten: „Wegen Unglauben!“. Ich frage dann: „Ist dieser Unglaube eine Sünde oder nicht?“. Wenn dieser Unglaube eine normale Sünde ist, wie jede andere, so litt Christus die gebührende Bestrafung dafür oder Er tat es nicht. Wenn Er es tat, warum hält sie das dann mehr auf als ihre anderen Sünden, für die Er doch starb? Wenn Er es nicht tat, dann starb Er nicht für alle ihr Sünden.

Aber wie sollen wir dann folgenden Vers verstehen, der scheinbar auf den ersten Blick sagt, dass Jesus selbst die Irrlehrer erkauft hat? In 2Pet 2:1 lesen wir:

„Es gab aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die heimlich verderbliche Sekten einführen, indem sie sogar den Herrn, der sie erkauft hat, verleugnen; und sie werden ein schnelles Verderben über sich selbst bringen.“

Auf den ersten und sehr oberflächlichen Blick erscheint uns die Satzstellung so, als würde sich das „sie“ auf die Irrlehrer, die den Herrn verleugnen, beziehen. Durchaus denkbar wäre jedoch auch die Ansicht, dass Petrus in seinem Gedankengang das „sie“ auf das Volk Gottes bezog, so dass wir den Abschnitt auch wiefolgt lesen könnten:

„Es gab aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die heimlich verderbliche Sekten einführen, indem sie [die Irrlehrer] sogar den Herrn, der sie [die Gemeinde Gottes] erkauft hat, verleugnen; und sie [die Irrlehrer] werden ein schnelles Verderben über sich selbst bringen.“

Um mehr Klarheit darüber zu erlangen, auf wen sich Petrus in seiner Aussage bezog, gibt es nur zwei Wege das herauszufinden.

1.) Wir fragen Petrus persönlich, der uns am besten Auskunft darüber geben kann, wie er diese Aussage gemeint hat
2.) Wir fragen die Heilige Schrift, ob sie uns selbst erklären kann, auf wen sich das „sie“ in 2Pet 2:1 bezieht

Da Petrus bereits bei dem Herrn ist, fällt die beste Möglichkeit natürlich weg. Dennoch glaube ich, dass uns die Schrift genug Licht gibt, um herauszufinden, auf wen sich Petrus mit „sie“ bezog. Nebenbei ist dieses Beispiel hier eine gute Gelegenheit um zu sehen, wie man das reformatorische „sola scriptura“ korrekt anwendet. Ich habe die Schrift genau durchforscht nach dem Begriff „erkaufen“ (ἀγοράζω – agorazō), weil ich davon ausgehe, dass dieser Ausdruck mich an alle Stellen des Neuen Testamentes bringt, in denen die Schrift etwas zum gleichen Thema zu sagen hat. Alle Stellen mit dem Verb agorazō finden wir hier:

Mat 13:44.46; 14:15; 21:12; 25:9-10; 27:7

Mk 6:36-37; 11:15; 15:46; 16:1

Luk 9:13; 14:18-19; 17:28; 19:45; 22:36

Joh 4:8; 6:5; 13:29

1Kor 6:20; 7:23.30

Off 3:18; 5:9; 13:17; 14:3-4; 18:11

Alle relevanten Stellen liste ich im Folgenden auf:

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes ist, den ihr von Gott empfangen habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlicht Gott in eurem Leib und in eurem Geist, die Gott gehören! (1Kor 6:19-20)

Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht Knechte der Menschen! (1Kor 7:23)

Und sie sangen ein neues Lied, indem sie sprachen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast uns für Gott erkauft mit deinem Blut aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen. (Off 5:9)

Und sie sangen wie ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebendigen Wesen und den Ältesten, und niemand konnte das Lied lernen als nur die hundertvierundvierzigtausend, die erkauft worden sind von der Erde. Diese sind es, die sich mit Frauen nicht befleckt haben; denn sie sind jungfräulich [rein]. Diese sind es, die dem Lamm nachfolgen, wohin es auch geht. Diese sind aus den Menschen erkauft worden als Erstlinge für Gott und das Lamm. (Off 14:3-4)

In diesen Stellen wird eines immer wieder deutlich: „erkauft“ bezieht sich nur auf die wahren Gläubigen, d.h. die Gemeinde Gottes. Weitere Bibelstellen, die zum selben Thema etwas zu sagen haben finden wir hier:

Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen (denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«) (Gal 3:13)

So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! (Apg 20:28)

Und auch durch diese Stellen wird deutlich, dass nicht alle Menschen für Gott erkauft sind, sondern nur jene, die tatsächlich auch zum Glauben kommen werden – Gottes Volk. Demnach können wir daraus ganz gewiss schließen, dass Petrus sich in seinem zweiten Brief mit dem „sie“ auf die Gemeinde Gottes bezogen hat. Diese Interpretation ist am wahrscheinlichsten, denn der Rest der Heiligen Schrift lehrt nichts davon, dass Christus für alle Menschen individuell gestorben sei. Es gibt ein paar Bibelstellen, die auf den ersten Blick das sagen, aber nach einer genauerer Untersuchung des Kontextes und Grundtextes erkennt man augenblicklich, weshalb man diesen oder jenen Vers falsch auffassen könnte, denn viele Missverständnisse resultieren aus der Unkenntnis über die Verwendung von gr. Begriffen und Formulierungen. Dennoch gibt uns die Schrift durch ihren Kontext und Grundtext genügend Licht, um jene unklaren Stellen zu beleuchten. Dabei ist nur die Schrift das Licht für die unklaren Passagen in der Schrift.

Zusammenfassung

Petrus hätte sich in seiner Formulierung in 2Pet 2:1 ruhig ein wenig konkreter ausdrücken können, aber da er wohl kaum berücksichtigte, dass er für Menschen schreibt, deren Kultur und Sprache sich von seiner unterscheidet, schrieb er in seinem ganz natürlichen Kontext und schrieb für seine unmittelbare Umwelt. Und dort war es „Allgemeinwissen“, dass Christus nicht für „alle“ Menschen starb, sondern für „viele“ Menschen (vgl. Mat 20:28; 26:28; Heb 9:28). Gemäß dem, was die Schrift an anderen Stellen lehrt, kann sich das „der sie erkauft hat“ (2Pet 2:1) unmöglich auf die Irrlehrer beziehen, denn sonst würde diese einzelne Bibelstelle im Widerspruch zu vielen anderen Bibel stehen. Für Petrus und die anderen Apostel und Schreiber des Neuen Testamentes ist klar – Christus erkaufte sich die Gemeinde Gottes, die aus den Erwählten besteht, die Ihm der Vater gegeben hat. Und somit können wir durchaus in 2Pet 2:1 lesen:

„Es gab aber auch falsche Propheten unter dem Volk,
wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden,
die heimlich verderbliche Sekten einführen,
indem sie sogar den Herrn,
der sie [die Gemeinde Gottes] erkauft hat, verleugnen;
und sie werden ein schnelles Verderben
über sich selbst bringen.“

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