Römer 11,2 – zuvor gesehen oder zuvor erwählt?

(Römer 11,2)

»Gott hat sein Volk nicht verstoßen,
das er zuvor ersehen hat!« 

1.Einleitung

Mit dem folgenden Beitrag widme ich mich der Thematik der »Erwählungslehre.« Kaum eine andere Lehre ist so umstritten wie diese. »Zuvor ersehen«, sagt der Arminianer, »bedeutet lediglich, dass Gott im Voraus sah, wer an Christus glauben wird. Das bedeutet nicht, dass Gott im Voraus durch Auserwählung festlegte, wer gerettet wird.« Nun, dies mag die Überzeugung eines Arminianers sein, doch entspricht sie der Lehre der Heiligen Schrift? Dass Gott jemanden zur Erwählung bestimmt oder auserwählt, lehnt ein Arminianer energisch ab. Dabei beruft er sich häufig darauf, dass ein Sünder einen »uneingeschränkt freien Willen« hat. Dadurch ist der Sünder nicht bloß ein Roboter, der nur Befehle abarbeitet, sondern ein Wesen, dass selbstständig uneingeschränkt denkt, entscheidet und handelt. Somit schließt der uneingeschränkt freie Wille des Menschen eine sogenannte Erwählung zur Errettung kategorisch aus. So in etwa argumentiert ein Arminianer – ohne jegliche Rücksicht darauf zu nehmen, was die Heilige Schrift über den uneingeschränkt freien Willen des Menschen sagt. Der Arminianer begnügt sich mit einer rein philosophischen Vorstellung vom freien Willen, ohne sich mit diesem Thema genauer auseinandersetzen zu wollen. Er denkt: „Ist doch klar und ganz einfach. Wenn ich in den Burger King gehe, kann ich bestellen, was ich will. Niemand kann mir vorschreiben, was ich wähle. Ich bin frei zu wählen, was ich will. Der Mensch hat einen freien Willen. Jeder, der das leugnet, ist ein Lügner.“ Damit ist für ihn das Thema „freier Wille“ beendet und er hält jede weitere Diskussion für überflüssig. Dabei sieht er gar nicht, wie viel die Heilige Schrift zu diesem Thema zu sagen hat. Paulus sagt in Römer 7,14-23 zum Beispiel:

»Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn was ich vollbringe, billige ich nicht; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das übe ich aus. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. Jetzt aber vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das verübe ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich finde also das Gesetz vor, wonach mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen; ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das gegen das Gesetz meiner Gesinnung streitet und mich gefangen nimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.« 

Konfrontiert man einen Arminianer mit solchen Aussagen, ist er meist nicht in der Lage sich dazu zu äußern und schüttelt den Kopf und bleibt bei seinem Argument, er könne immer frei wählen, was er will. Daher lehnt er die Erwählungslehre kategorisch ab ohne sich die Mühe zu machen, sich selbst und seine eigene Überzeugung einer Prüfung durch die Heilige Schrift zu unterziehen. In aller Kürze behaupte ich daher, dass die Heilige Schrift den Willen des Menschen als »Sklaven der Sünde« bezeichnet, der dem »Gesetz der Sünde« unterworfen ist, so dass wir dem Sünder keine uneingeschränkte Willensfreiheit zuschreiben können, wie es der Arminianer tut. Wie frei kann der Wille des Menschen sein, wenn Paulus bekennt, dass er nicht das tut, was er will, sondern das, was er nicht will?

Ein Mensch kann demnach ohne Gottes Wirken nicht an Christus glauben, so sagt es Jesus Christus selbst: »Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater zieht.« (Joh 6,44). Allein aus diesem Grund ist die Erwählungslehre eine fundamentale Grundlage in der Erlösungslehre. Ohne Gottes Ziehen gibt es keine Erlösung. Es gebührt daher allein Gott, dass, was unmöglich ist, möglich zu machen (Mt 19,26) – die Erlösung eines Sünders. Weshalb sollte unsere Erlösung nicht vollständig von Gott kommen? Von alters her war Erlösung immer ein Werk Gottes (Ps 3,9). Im Alten Testament war den Menschen das souveräne Wirken Gottes in der Erlösung bereits bekannt: »Bringe du mich zur Umkehr, so werde ich umkehren; denn du, Herr, bist mein Gott! Denn nach meiner Umkehr empfinde ich Reue, und nachdem ich zur Erkenntnis gekommen bin, schlage ich mir auf die Hüfte; ich schäme mich und bin sogar zuschanden geworden; denn ich trage die Schmach meiner Jugend!« (Jer 31,18-19). Dem stimmt der Prophet Hesekiel ebenso zu. Nachdem er über das rettende Wirken Gottes im Neuen Bund weissagte, erwähnt er die Konsequenz der Errettung: »Dann werdet ihr an eure bösen Wege gedenken und an eure Taten, die nicht gut waren, und ihr werdet vor euch selbst Abscheu empfinden wegen eurer Sünden und wegen eurer Gräuel.« Bis nicht Gott den Sünder überführt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht, empfindet er nicht ausreichend Abscheu vor Sünde, um sich von ihnen abzuwenden und sich in die Hände des Erlösers zu werfen. Tatsächlich lieben die Menschen ihren von Finsternis umhüllten Zustand so sehr, dass sie es von Natur aus hassen zum überführenden Licht Gottes zu kommen (Joh 3,19-20).

So wie das Herz eines Menschen sich des Mundes bedient, um sich auszudrücken (Mt 12,34), so drückt sich die sündige Natur des Menschen durch seinen Willen aus. Daher ist der Wille des Menschen nicht uneingeschränkt frei, sondern nur frei innerhalb seiner eigenen Natur. Und da die Natur des Menschen unter die Sünde verkauft ist, ist der Wille des Menschen, so sehr er auch das Gute vollbringen will, gebunden das Böse zu tun. Der Mensch besitzt einen Willen, so dass er seine Handlungen freiwillig und ungezwungen ausübt. Aber dieser ist, ganz so wie Gott es in seiner Gnade erlaubt, vollkommen von Sünde gebunden, so dass eine begangene Sünde immer eine freiwillig begangene Sünde ist und keine, die er gegen seinen eigenen Willen vollbringt. Deswegen zieht Gott den Sünder auch für seine Sünde zur Rechenschaft und wird ihn im Endgericht verurteilen, es sei denn, dass Gott einen Weg gefunden hat, gerecht zu bleiben, während er viele Sünder von ihren Sünden rechtfertigt. Und Gott sei gedankt, dass er durch das Evangelium von Jesus Christus das Unmögliche nun möglich gemacht hat. Wie wir also sehen können, hat ein Arminianer eine völlig unbiblische Ansicht über den Willen des Menschen. Widmen wir uns nun unserem Text.

2.Was bedeutet »zuvor ersehen«?

Zuerst widmen wir uns (a) dem griechischen Begriff und seiner Bedeutung. Danach schauen wir uns (b) seine Vorkommen in der Heiligen Schrift an und berücksichtigen anschließend (c) den Kontext in der Bestimmung der Wortbedeutung. Eine klärende Exegese besteht immer aus diesen drei Teilen und wenn man keinen Teil auslässt, erhalten wir in der Regel eine solide und fundierte Auslegung eines Textes, denn, wie jemand treffend sagte, »Die Heilige Schrift kann so verdreht werden, dass sie nur zum Zwecke eigener Interessen dient. Jeder Text wird sehr leicht in seiner wahren Bedeutung verändert, wenn man ihn ohne die Verse davor und danach zitiert. Dadurch scheint es, ein Text habe nur eine bestimmte Bedeutung, wenn aber die Bedeutung durch das Berücksichtigen der vorangehenden und nachfolgenden Verse verständlich wird, kann der einzeln zitierte Text in Wirklichkeit direkt das Gegenteil von dem bedeuten, was man ursprünglich angenommen hat.«

Um die Wichtigkeit dieser drei Elements zu untermauern, möchte ich vorab ein kleines Beispiel aus der Apostelgeschichte anführen (in der Schlachter 2000 Übersetzung). Die Apostelgeschichte befasst sich hier mit der Bekehrung des Paulus. Auf seiner Reise nach Damaskus, wo er Christen verfolgte, begegnete ihm Jesus Christus. Jesus sprach zu Paulus mit hörbarer Stimme. Und wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 26 Vers 14 mitteilt, wird uns sogar gesagt in welcher Sprache Jesus mit Paulus redete, nämlich in Hebräisch. Paulus reiste mit Begleitern und diese sahen sowohl das Licht und hörten auch die Stimme von Jesus, aber sie verstanden das Gesprochene nicht, da Jesus in Hebräisch mit Paulus redete – eine Sprache, die die Begleiter wohl nicht beherrschten. Das ist auch nicht verwunderlich, denn Hebräisch war bei weitem nicht so verbreitet, wie man das oft annimmt. Zu Jesu Zeiten waren Aramäisch und Griechisch weit verbreitet. Auch wurde die Septuaginta (LXX) gerade deshalb angefertigt, weil Hebräisch keine geläufige Sprache zur Zeit Jesu war. Das heißt nicht, dass es keine Hebräisch sprechenden Juden mehr gab, sondern dass nicht alle diese Sprache beherrschten, wie das Beispiel der Begleiter von Paulus zeigt. In Apostelgeschichte 22,9 lesen wir: »Meine Begleiter aber sahen zwar das Licht und wurden voll Furcht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht Hörten sie wirklich nicht die Stimme dessen, der mit Paulus redete? In Apostelgeschichte 9,7 jedoch lesen wir: »Die Männer aber, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand.« Also hörten sie doch die Stimme dessen, der mit Paulus redete, oder etwa doch nicht? Um dieses Problem zu lösen, ist es nötig uns (a) zwei griechische Begriffe anzuschauen, (b) ihre Vorkommen in der Heiligen Schrift und (c) den genauen Kontext.

Die zu berücksichtigenden Worte wären „Stimme“ (gr. phone) und „hören“ (gr. akouo). Das gr. akouo bedeutet generell „hören“. Abgeleitet von diesem Wort ist unser deutsches Akustik. Aber es kann, je nach Kontext auch „verstehen“ bedeuten, wie z.B. in 1.Kor 14,2: »Denn wer in Sprachen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht (gr. akouo) es, sondern er redet Geheimnisse im Geist.« Das gr. phone bedeutet generell zwar „Ton, Stimme“, aber es kann, je nach Kontext, auch „Sprache“ oder „das Gesprochene“ bedeuten. Diese Bedeutungen wurden wohl nicht angemessen berücksichtigt in der Schlachter 2000 Übersetzung. Man sollte daher Apg 22,9 wiefolgt übersetzen: »Meine Begleiter aber sahen zwar das Licht und wurden voll Furcht, aber die Sprache dessen, der mit mir redete, verstanden sie nicht.« Somit stände diese Aussage nicht in Widerspruch zu Apg 9,7: »Die Männer aber, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand.« Deswegen konnten die Begleiter von Paulus Jesus zwar sprechen hören (Apg 9,7), aber sie verstanden nicht was er sagte (Apg 22,9), weil sie kein Hebräisch sprachen (Apg 26,14). Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig diese drei Elemente in der Auslegung der Heiligen Schrift sind. Richten wir unsere Aufmerksamkeit nun auf Röm 11,2.

a) Der griechische Begriff und seine Bedeutung

Das Wort „zuvor ersehen“ lautet im Grundtext proginosko und besteht aus der Präposition pro (= „vor“) und dem Verb ginosko (= „kennen, wissen“). Doch das Verb ginosko kann, je nach Kontext, auch noch etwas anderes bedeuten, was wir hier nicht einfach ignorieren dürfen. In der hebräischen Redewendung dient das Wort „erkennen“ auch als Synonym für den sexuellen Verkehr zwischen Mann und Frau (vgl. 1.Mo 4,1.17; Ri 11,39; Ri 21,12; 1.Sam 1,19; Mt 1,25; Lk 1,34). Darüber hinaus hat es ebenso eine Bedeutung, die man etwas genauer umschreiben muss. Paulus schreibt Timotheus: „Der Herr kennt (gr. ginosko) die Seinen!“ (2.Tim 2,19). In Mt 7,21-23 sagt Jesus etwas bemerkenswertes: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und dann werde ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt (gr. ginosko); weicht von mir, ihr Gesetzlosen!“. Wie sollen wir die Aussage verstehen, dass Jesus jene Gesetzlosen nicht kannte? Er kannte sie nicht, weil sie nicht zu den Seinen gehörten.

Das Wort „kennen“ geht an dieser Stelle also weit über die normale Bedeutung hinaus. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Wort „erkennen“ ein Synonym für „erwählen“ oder „absondern“ oder „bestimmen“ ist. Dem Propheten Amos sagte Gott im Bezug auf das Volk Israel: »Nur euch habe ich ersehen [o. erkannt] von allen Geschlechtern der Erde.« (Am 3,2). Gott hat es, wie jemand richtig erkannte, »aus den anderen Nationen ausgesondert und für sich beiseite gesetzt. Er hatte sich ihnen offenbart und seinen Willen ausschließlich ihnen kundgetan. Er hatte mit ihnen einen Bund geschlossen und sie berufen, ein Königtum von Priestern und eine heilige Nation zu sein.« Diese wunderbare Tatsache kommt gerade bei Jeremia zur Geltung: »Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich ersehen [o. erkannt], und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt; zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt!« (Jer 1,5).

Fassen wir zusammen. Der biblische Ausdruck „ersehen“ oder „erkennen“ bedeutet neben seiner natürlichen Bedeutung auch „erwählen, absondern, bestimmen.“ Stellt man dem gr. Verb ginosko noch eine Präposition voran, so wie in Röm 11,2, so ist es völlig angemessen zu sagen, dass Paulus als Jude (während er davon sprach, dass Volk Israel sei von Gott zuvor ersehen) den Gedanken der Vorherbestimmung im Sinn hatte. Und genau das ergibt auch am meisten Sinn, denn Gott sah sein Volk nicht einfach nur voraus, sondern er bestimmte im Voraus, wen er in einzigartiger Weise zu seinem Volk machen würde. Und weil Arminianer gerne den Einwand machen, dass wir das mit der Auserwählung in Röm 11,2 nur hineinlesen würden, so kommen wir zu den weiteren Stellen in der Heiligen Schrift, in denen dasselbe Wort auftaucht.

b) Vorkommnisse in der Heiligen Schrift

Das gr. Wort proginosko finden wir in folgenden Stellen

Apg 26,5
»…da sie mich von früher her kennen, wenn sie es bezeugen wollen, dass ich nach der strengsten Richtung unserer Religion gelebt habe, als ein Pharisäer.«

2.Petr 3,17
»Ihr aber, Geliebte, da ihr dies im Voraus wisst, so hütet euch, dass ihr nicht durch die Verführung der Frevler mit fortgerissen werdet und euren eigenen festen Stand verliert!«

1.Petr 1,20
»[Jesus Christus] war zuvor ersehen vor Grundlegung der Welt, aber wurde offenbar gemacht in den letzten Zeiten um euretwillen.«

Röm 8,28-30
»Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht.«

Wie wir deutlich sehen können, finden wir die gewöhnliche Bedeutung von proginosko sowohl in Apg 26,5 als auch in 2.Petr 3,17. Aber die Bedeutung, die darüber hinausgeht, finden wir ohne Zweifel in 1.Petr 1,20 und Röm 8,29. Gott, der Vater, sah nicht bloß im Voraus, dass Jesus Christus als Retter in die Welt kommen wird, sondern der Vater erwählte ihn zu dieser Aufgabe. Er war auserwählt für das Erlösungswerk. Er wurde zuvor ersehen zu dieser Aufgabe: »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein, und wer an ihn glaubt, soll nicht zuschanden werden« (1.Petr 2,6). Bei solch überwältigenden Beweisen, wie kann man da noch daran zweifeln, dass das gr. proginosko in Röm 11,2 auch mit „vorherbestimmen“ übersetzt werden kann?

c) Kontext

Betrachten wir nun den genauen Kontext von Röm 11,2 und achten darauf, ob uns dieser weitere Hinweise gibt.

1 Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.
2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor ersehen hat! Oder wisst ihr nicht, was die Schrift bei Elia sagt, wie er vor Gott gegen Israel auftritt und spricht:
3 »Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört, und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten mir nach dem Leben!«
4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? »Ich habe mir 7000 Männer übrig bleiben lassen, die [ihr] Knie nicht gebeugt haben vor Baal.«
5 So ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest vorhanden aufgrund der Gnadenwahl.
6 Wenn aber aus Gnade, so ist es nicht mehr um der Werke willen; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade; wenn aber um der Werke willen, so ist es nicht mehr Gnade, sonst ist das Werk nicht mehr Werk.

Im Kontext geht es darum, ob Gott sein Volk verstoßen hat. Paulus verneint diese Möglichkeit und begründet sie damit, dass auch er ein Jude ist, der an Christus glaubt, und daher nicht verstoßen sein kann. Hätte Gott sein Volk verstoßen, so gäbe es keine an Christus gläubigen Juden. Das ist eine interessante Tatsache. Derjenige, den Gott verstoßen hat, wird demnach nicht in rettender Weise durch Christus gläubig werden. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, denn er hat es zuvor ersehen. Was bedeutet das zuvor ersehen dann dieser Stelle, wenn nicht „zuvor erwählt“? Genauso könnte man übersetzen: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat!“. Ist das so abwegig? Entstellt diese Übersetzung den Sinn? Keineswegs. Gerade der Gedanke der Erwählung passt perfekt in den Kontext. Was nicht in den Kontext passen würde, wäre die folgende Übersetzung, wie sie der Arminianer gerne hätte: „ Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor gesehen hat!“. Dieser Gedanke passt wirklich überhaupt nicht in den Kontext.

Eine Anspielung darauf, dass Gott lediglich durch die Fenster der Zeit blickte und sein Volk sah, steht in Widerspruch zum direkten Kontext. Paulus führt gleich im Anschluss ein Beispiel an, in dem er den Gedanken der Erwählung erneut aufgreift und eben nicht den Gedanken, dass er lediglich im Voraus von etwas wusste. Gott hat sich 7000 Männer übrig gelassen, die ihre Knie nicht vor Götzen beugen, sondern Gott in allem die Treue halten. Sah Gott diese 7000 lediglich im Voraus oder war Gott dafür verantwortlich, dass er sich 7000 auswählte und sie dazu bestimmte ihre Knie nicht vor Baal zu beugen? Diese 7000 waren das Ergebnis der Gnadenwahl Gottes. Und auch hier wird der Gedanke der Erwählung erneut unterstrichen. Eine weitere Tatsache, die Erwählung bekräftigt, ist die Tatsache, dass Gott sich 7000 übrig gelassen hat und nicht 6834. Dass so eine runde Zahl erwähnt wird, macht deutlich, dass jene 7000 von Gott gewollt waren – nicht mehr und nicht weniger. 7000!

3.Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Wie wir gesehen haben, sind zwei Dinge für eine saubere Exegese unerlässlich – Grundtext und Kontext. Ohne diese können wir so ziemlich alles in die einzelnen Verse der Heilige Schrift hineinlesen. Doch eine Berücksichtigung von Grundtext und Kontext schützen den aufmerksamen Leser vor einer Fehlinterpretation. Und je schwieriger es ist einen unklaren Vers auszulegen, umso mehr Mühe und Aufwand müssen wir aufbringen, um den Text zu verstehen.

Wir haben gelernt, dass Worte mehrere Bedeutungen haben können. Diese unterschiedlichen Bedeutungen sind immer vom Kontext abhängig und niemals von der persönlichen Überzeugung des Leser. Ein echter Christ wird niemals seine persönlichen Überzeugungen versuchen in einen Text hineinzulesen. Er manipuliert die Schrift nicht, um seinen persönlichen Glauben aufrechtzuerhalten. Er unterwirft sich der Schrift und studiert ihre Aussagen mit größter Sorgfalt und bittet dabei den Herrn Jesus und den Heiligen Geist um Erleuchtung.

Wir haben anhand der Schrift selbst gezeigt, dass das gr. proginosko zu Recht mit „vorherbestimmen“ oder „zuvor erwählen“ übersetzt werden kann, weil es genau diese Bedeutung an anderen Stellen einnimmt. Gott erwählt sich im Alten Bund einen bestimmten Menschen – Abraham – um mit ihm in einer besonderen ewigen Beziehung zu stehen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Gott bestimmte Menschen im Neuen Bund erwählte, um mit ihnen durch Jesus Christus in einer besonderen ewigen Beziehung zu stehen. Wenn es also keine Erwählung der Gläubigen zum Heil in der Bibel geben soll, wie das der Arminianer kühn behauptet, warum schreiben dann so viele überhaupt darüber in der Heiligen Schrift? Würde es keine Auserwählung gäben, dürfte die Schrift niemals von Auserwählung sprechen und Errettung damit in Verbindung bringen. Doch genau das tut die Heilige Schrift. In 2.Thess 2,13-14 sagt Paulus, dass Gott die Gläubigen in Thessalonich von Anfang an zur Errettung erwählt hat in der Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, denn er hat sie ja auch berufen hat durch das Evangelium, damit sie die Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus erlangen?

Wenn die Erwählungslehre unbiblisch sein und, wie John Wesley das immer gern sagte, noch böser wie der Teufel sein soll, weshalb nennt man die Gläubigen im Neuen Testament überhaupt dann noch die Auserwählten Gottes (Röm 8,33)? Wenn die Erwählungslehre wirklich derart teuflisch sein soll, weshalb waren dann die neutestamentlichen Autoren nicht vorsichtiger im Umgang mit den Worten „erwählen“ und „Auserwählte“? Letztendlich lehnen die Arminianer die Erwählungslehre ab, weil sie eine völlig falsche Vorstellung von der Funktionsweise des menschlichen Willens haben und sich weigern, die Aussagen der Heiligen Schrift in Bezug auf dieses Thema zu berücksichtigen. Sie lehnen die Erwählungslehre ab, weil sie als Menschen souveräner als Gott bleiben wollen. Ihnen gefällt kein Gott, der souverän über dem Menschen steht. Der souveräne über alles hinausgehende Gott ist ihnen verhasst.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einem Abschnitt aus der Heiligen Schrift, die die Erwählungslehre geradezu bekräftigt und zeigt, dass ein Mensch unmöglich ohne übernatürliches Eingreifen sich so einfach für Jesus entscheiden wird. Die Erwählten sind jene, die der Vater dem Sohn gibt. Jene werden den Ruf des Evangeliums hören und verstehen und sich in Buße und Glauben zu Christus wenden.

„Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Denn ich bin aus dem Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Und das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am letzten Tag. Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag. Da murrten die Juden über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist, und sie sprachen: Ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann dieser denn sagen: Ich bin aus dem Himmel herabgekommen? Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Murrt nicht untereinander! Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater zieht, der mich gesandt hat; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.“ (Joh 6,37-44)
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Ein Kommentar zu „Römer 11,2 – zuvor gesehen oder zuvor erwählt?

  1. Eine sehr gute Ausarbeitung. Speziell die Betrachtung der drei Auslegungsaspekte. Das Treffen von Satan und unserem Herrn in der Wüste zeigt uns mit höchster Präsetion, dass man Bibelstellen aus dem Zusammenhang betrachten kann und somit dem Wort Gottes eine Bedeutung gibt, die es nicht hat und – das muss man beachten – dass dies ein teuflisches Vorgehen ist.

    Ich würde dir empfehlen noch auf deinen Artikel zur Ausarbeitung von Jonathan Edwards zum Thema „Freier Wille“ zu referenzieren.

    Ich möchte unseren arminianisch geprägten Brüdern noch einen Gedanken mitgeben, über den Sie doch bitte nachdenken mögen. Wenn man behauptet, dass Gott in die Zukunft sehen muss um zu wissen, wie sich der einzelne Mensch entscheidet, betreibt man ungewollt Götteslästerung, denn dies würde bedeuten, dass Gott nicht Allwissend ist. Er müsste ja schließlich in die Zukunft schauen um sich das Wissen anzueigen und somit gebe es Wissen außerhalb von Gott und dadurch würde Gott dazulernen und damit wäre Gott nicht Gott.

    Ich bete, dass dieser Artikel dem einen oder anderen doch die Augen öffnen möge, sodass er sich mehr mit der Thematik auseinandersetzt.

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